Senatus Kisselkensis anno 1677

Ein Beitrag zu den historischen Hintergründen eines Siegels von Hans Gerhard Pauer
Kleinschelken liegt in einem engen Seitental der Großen Kokel südöstlich von Kleinkopisch und gehört von der Gründung an zu den besonders großen Dörfern der Kokelgegend. Als erster unumstrittener Beweis deutscher Ansiedlungen im Schelker Gebiet gilt die Urkunde vom 21. Mai 1311, aus der hervorgeht, dass eine Hälfte von Kleinschelken zusammen mit den Nachbargemeinden Abtsdorf, Scholten, Schorsten und Donnersmarkt zum Besitz der neben Arad liegenden Egrescher Abtei (Zisterzienserkloster) gehörten.

Abb.1: Das Kleinschelker Siegel aus dem Jahr 1677 (Das Siegel befindet sich im historischen Museum von Hermannstadt)
Abb.1: Das Kleinschelker Siegel aus dem Jahr 1677 (Das Siegel befindet sich im historischen Museum von Hermannstadt)

Trotz dieser späten Beurkundung ist Kleinschelken wahrscheinlich schon in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts (um 1250) von einer Gruppe deutscher Siedler aus dem Unterwald gegründet worden, die während des Tatareneinfalls von 1241 Schutz in diesem Seitental der Großen Kokel gesucht hatten. Im Tal dieses Flusses erstreckt sich auf der linken Seite, genau in der Mitte der Strecke Kleinschelken – Kleinkopisch, ein etwa 650 m langer und 25-150 m breiter Bergrücken, der von den Einheimischen „Auf der Burg“ genannt wird. Diese Flüchtlinge fanden auf dem oben beschriebenen Bergrücken eine seit dem 6. Jahrhundert episodisch bewohnte Erdburg vor, in der sie sich niederließen und zu ihrem Schutz weitläufige Palisadenwälle anlegten.

Hier „Auf der Burg“ wurde im Jahr 1878 ein Schwert ausgegraben (heute als Leihgabe im Geschichtemuseum Bukarest), das von Archäologen ins 13. Jahrhundert datiert wurde und möglicherweise auf die ersten sächsischen Ansiedler in diesem Raum zurückzuführen ist, denn das Verbreitungsgebiet dieser Schwertart umfasste nur West- und Mitteleuropa. Die Träger dieser Schwertart gehörten somit zur Gruppe der „hospites“ (Gäste), die schon im 12. Jahrhundert in Siebenbürgen eingewandert waren.

Der etwa 650 m lange und recht schmale Bergrücken „Auf der Burg“, mit seinen hervorragenden Verteidigungsmöglichkeiten, war aber für die Anlage einer größeren Siedlung nicht geeignet. Unter dem Druck der anwachsenden Bevölkerung verließen diese ersten Kleinschelker Sachsen die Erdburg und gründeten etwa 3 km weiter in südöstlicher Richtung, in dem ebenfalls sehr geschützten Tal des Kleinschelker Baches, eine neue Siedlung, die zunächst etwa 100 Einwohner zählte. Bei dieser Gründung wurden die Besitzverhältnisse rücksichtslos missachtet, denn dieses Tal gehörte schon seit dem Jahr 1224 dem Zisterzienser Kloster der Heiligen Jungfrau Maria in Egresch, so dass die neuen Kleinschelker in den nachfolgenden Jahrzehnten zahlreiche Auseinandersetzungen mit den Vertretern dieses Klosters austragen mussten.

Trotz seines Namens gehörte Kleinschelken bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts zu den größten und bevölkerungsreichsten Orten der „Zwei Stühle“ Mediasch und Schelk. So lebten anlässlich der ersten bekannten Volkszählung von 1516 in dieser Gemeinde 129 „hospites“ (Gäste bzw. Wirte), 14 Witwen, 3 Hirten und ein Müller. Somit war „Clenschelk“ (Name in den Unterlagen der Zählung) größer als alle anderen sächsischen Siedlungen des „Unteren Stuhles“, gefolgt von Wurmloch (95 Wirte), Marktschelken (62 Wirte) und Frauendorf (61 Wirte). Die nachfolgende Zählung von 1532 bestätigt diese Entwicklung und weist Kleinschelken mit 175 Wirten weiterhin als größten Ort des „Schelker Stuhls“ aus, so dass der Name „Schelk minor“ (Kleinschelken) schon längst zu Unrecht bestand.

In dieser Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs und relativen Friedens gehörte der Ort zusammen mit Hetzeldorf, Reichesdorf und Wurmloch, seiner hohen Einwohnerzahl entsprechend, auch zu den größten Steuerzahlern in den Zwei Stühlen. Gekrönt wurde dieser Prozess mit der Erteilung des Wochen- und Jahrmarktrechts durch einen Beschluss des siebenbürgischen Landtages in Hermannstadt vom August 1494, demzufolge der Samstag als Tag des Wochenmarktes und der Martinstag (11. November) als Jahrmarktstag festgelegt wurden.

An der Spitze der Gemeinde stand schon sehr frühzeitig ein gewählter Richter, denn eine aus dem zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts stammende Urkunde, deren Original sich im Hermannstädter Staatsarchiv befindet, trägt die Unterschriften des Richters und der Ge-schworenen von „Schad Schelk“ (ursprünglicher Name von Kleinschelken), deren Namen allerdings nicht genannt werden. 1535 wird das Richteramt in einer weiteren Urkunde bezeugt und am „Katharinalkonflux“ (Versammlung der Nationsuniversität in Hermannstadt) vom 25. November 1529 nahm auch Benedictus Schuler, der Richter von Kleinschelken teil.

Vor dem Hintergrund der Machtkämpfe um die Vorherrschaft in den Zwei Stühlen zwischen Marktschelken, Birthälm, Mediasch und Kleinschelken im 16. Jahrhundert mussten die Kleinschelker erbittert für die Sicherung ihrer eigenen Marktrechte kämpfen. So gelang es ihnen im Jahr 1576 mit diplomatischem Geschick vom siebenbürgischen Wojewoden Christoph Bathori ein Privilegium zu erwirken, das ihnen die jährliche freie Richterwahl auch in Zukunft garantierte und sie mit Meschen, Birthälm, Hetzeldorf und Reichesdorf gleich stellte.

Die dadurch gefestigte Rechtsstellung der Marktgemeinde führte zur Anfertigung eines neuen Siegels mit der Umschrift „Senatus Kisselkensis Anno 1577“, mit dem die von der Dorfobrigkeit ausgestellten amtlichen Schriftstücke beglaubigt wurden. Dieses Siegel ist zwar nicht mehr erhalten, aber ein Abdruck davon befindet sich auf dem Geburtsbrief des Klein-schelkers Stephan Schink vom 14. April 1665, der ebenfalls im Staatsarchiv Hermannstadt (Sammlung Brukenthal) aufbewahrt wird.

Genau 100 Jahre später lässt die Kleinschelker Dorfobrigkeit ein neues Siegel anfertigen, das sich von dem Vorgängermodell aus dem 16. Jahrhundert kaum unterscheidet. Ein Grund dafür könnte die Abnutzung des älteren Siegels gewesen sein, denn in dem Abdruck von 1665 ist die Jahreszahl nur noch schlecht lesbar (1577). In der Mitte dieses neuen Siegels von 1677 erkennt man das „Lamm Gottes“ (Agnus Die“ – ein sehr altes christliches Symbol für Jesus, der als Opferlamm dargestellt wird.), das ab dem 10. Jahrhundert oft zusammen mit einer Kreuzfahne dargestellt wurde. Diese an einem Kreuzstab befestigte Fahne gilt seit dem frühen Mittelalter als Zeichen des Sieges und ist auf dem Kleinschelker Siegel ebenfalls vorhanden. Die Umschrift enthält den lateinischen Text „Senatus Kisselkensis anno 1677“ (Der Senat von Kleinschelken im Jahr 1677).

Die christlichen Symbole im Kleinschelker Siegel weisen eindeutig auf die Zeit der Gründung dieses Ortes hin, der in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zumindest teilweise in einem Gebiet angelegt wurde, das zum Besitz der Kerzer Abtei sowie deren Mutterkloster, der Zisterzienser Abtei in Egresch gehörte. So bestätigt eine Urkunde des ungarischen Königs Karl Robert von Anjou aus den Jahren 1316-1322, das die gemeinden Abtsdorf, Scholten, Schorsten und ein Teil von Kleinschelken der Egrescher Abtei gehören, deren Abt Emericus im Jahre 1419 erfolglos versucht, Kleinschelken wieder in den Besitz der Abtei zu bringen.

Erst durch eine weitere Urkunde des gleichen Königs aus dem Jahr 1318 werden die Sachsen von „Sacheelk“ (Kleinschelken) von der Heeresfolge befreit, ihre Steuerpflicht wird genau festgesetzt, und es wird ihnen gestattet, sich in Rechtsangelegenheiten nach dem Brauch der „Hermannstädter Provinz“ zu richten.