Begrüßungsrede Hans Draser

Kurzmitteilung

Begrüßung der Gäste durch Hans Draser im Namen der HOG, anlässlich des 15. Kleinschelker Treffens 2012

Kleinschelken, am 11. August 2012

Sehr verehrte Gäste, – meine lieben Kleinschelker Landsleute
-”Jeder Mensch trägt das Bild der Heimat in seinem Herzen”-
Das ist der Leitsatz unseres 15.-ten Kleinschelker Heimattreffens. Bereits zum dritten mal findet das Treffen in der alten Heimat statt.
Und wieder mal sind wir hier, in “unserem Kleinschelken” um gemeinsam Treffen zu feiern. In dem Ort, in dem viele von uns geboren, getauft, getraut wurden.
Hier haben viele von uns einen Teil ihres Lebens verbracht, wunderschöne Kinder und
Jugendjahre.
Herzlich willkommen, liebe Gäste. Wir, die „Heimat Ort Gemeinschaft” freuen uns sehr, über die große Teilnahme hier in Kleinschelken! Was sind Heimattage?

Heimattage sind:
 Tage des Innehaltens,
 Tage der Erinnerung,
 Tage der Herkunft,
 Tage der Heimat.

Herkunft hat jeder von uns. Und Heimat? Gibt es sie? Wo gibt es sie? Oder eher
Heimatlosigkeit?
Heimat, ist nicht die Bewunderung eines Bergpanoramas, sondern die Begeisterung davon zu schwärmen.
“Da oben, war ich mit meinen Eltern”<<<< welch ein Erlebnis >>>> – ich war erst zehn – und dort am Bach bauten mein Freund und ich unsere “Hütte” – das ist unsere Schule – in dieser Kirche wurden viele von uns getauft, konfirmiert, getraut.
Heimat ist das “Wir – Gefühl”,- „Erlebnis – Gemeinschaft“, – „generationenübergreifende
Zugehörigkeit“, – “Miteinander“, -„das Wir“-!!!
Eben dieses Heimatgefühl, ist typisch für Siebenbürgen, wo dieses “miteinander – gemeinsam – zusammen” gelebt wurde und immer noch gelebt wird.

Die sozialen Einrichtungen der Siebenbürger Sachsen sind beispielhaft, vielleicht auch
einzigartig auf der ganzen Welt.
Das Nachbarschaftswesen war strukturiert und strengen Regeln unterworfen, die ich kurz erläutern möchte, da der jungen Generation einiges davon nicht bekannt ist.
Unser Sachsenführer Stephan Ludwig Roth hat einen Teil seiner Kindheit u. Jugend in
Kleinschelken verbracht. Sein Vater war viele Jahre Dorf-Pfarrer in Kleinschelken und ist auf unserem Friedhof begraben. Zum Nachbarschaftswesen sagte er,
Nachbarschaft bedeutet:
  - Die aus einem Brunnen trinken,
  – Brot aus einem Ofen essen,
  - die ihre Wohnhäuser gemeinschaftlich aufbauten,
  - die gemeinschaftlich ihre Gräber gruben,
  - die eigenhändig ihre Toten auf den Gottesacker trugen,
  – die aus nachbarschaftlichem Vermögen und Beruf für Witwen und Waisen sorgten.

Nachbarschaft bedeutet auch:

     – Eine Gemeinschaft der gegenseitigen Hilfeleistungen “von der Geburt bis zum      Grab”.
     - Eine Verpflichtung zur Instandhaltung des Gemeindegutes, wie Brunnen und Straßen, 
     - Sowie die Einhaltung der weltlichen und religiösen Ordnung.
 
Einer Nachbarschaft anzugehören war Pflicht. “Nachbarn waren viel mehr, als nur
nebeneinander wohnende Menschen“.
Sie ist der eigentliche Kern der “Sächsischen Gemeinschaft”. Mit ihr schufen sich die
Siebenbürger Sachsen eine Institution, durch die sie ihre Identität, ihre Traditionen und die Kultur über Jahrhunderte gegen alle politischen und ethischen Umwälzungen abschotteten und bewahrten.
Jede Nachbarschaft hatte ihre eigenen Statuten, in denen die Pflichten und Rechte der
Nachbarschaft festgehalten und niedergeschrieben wurden.
In den hölzernen Nachbarschaftstruhen wurden Protokolle und Nachbarschaftszeichen (ein aus Holz geschnitztes Holztäfelchen) aufbewahrt.

„Das Noberziechen“, also Nachbarzeichen ist ein kleines Holztäfelchen. Dieses war das
Kommunikationsmittel innerhalb der Nachbarschaft. Durch einen Zettel auf dem Holztäfelchen, wurden alle Ereignisse und wichtigen Informationen von Haus zu Haus getragen. So wurde der Informationsfluss innerhalb der Nachbarschaft sichergestellt.
Auf dem Nachbarzeichen der 1. ten Nachbarschaft, inzwischen im Kleinschelker
Heimatmuseum aufbewahrt, ist folgende Innschrift zu lesen:

“Das Nachbarschaftswesen, soll euch die Erfüllung bringen, was aus inniger
Volksgemeinschaft und Hilfsbereitschaft auf Erden erfüllbar ist”

Die Nachbarschaften waren wie folgt strukturiert:
- Altnachbarvater – Jungnachbarvater – Schriftführer – Schaffner – zwei Hirtenträger . Die
Wahlen der Ämter innerhalb der Nachbarschaft fanden demokratisch statt.
Jeder Nachbar hatte die Pflicht, der Aufforderung des Altnachbarvaters nachzukommen sei es zur Hilfe beim Hausbau, in Krankheitsfällen, bei Hochzeiten, bei Beerdigungen, oder für Ersatz zu sorgen. Bei Nichteinhaltung dieser Pflichten, wurde am jährlichen Richttag eine Strafe fällig.
Die Nachbarschaft sorgte für Anstand und Ordnung bis in die Ehen und Familien. (Wenn der Ehestreit bis auf die Straße gehört wurde, musste ebenfalls Strafe gezahlt werden, genau so auch bei Fluchen in der Öffentlichkeit).
Die sächsischen Dörfer waren, je nach Größe der Orte, in 4 bis 14.Nachbarschaften
gegliedert.
Einmal im Jahr, immer an einem Dienstag zwischen 9:00 h und 10:00 Uhr wurde „Sit-tag oder Richt-tag“ gefeiert. An dem Gottesdienst nahmen nur Männer teil.
Alle Probleme die im Laufe des Jahres anfielen, wurden angesprochen. Streitigkeiten
zwischen Nachbarn wurden beigelegt. Die Versöhnung der verstrittenen Parteien war Pflicht.
Anschließend trafen sich die Nachbarschaften in dem Haus des jeweiligen Altnachbarvaters,
Der Altnachbarvater hielt eine Ansprache über das abgelaufene Jahr. Unter anderem wurde der Rechenschaftsbericht vorgelesen, als auch Vorschläge zur weiteren Vorgehensweise besprochen.
Durch Neuwahlen der Ämter wurde die Zeremonie abgeschlossen und man ging zum
gemütlichen Teil der Nachbarschafts-Einrichtung über.

>>> Zum Feiern des Faschingsfestes.<<<<
In den Jahren 1900 – 1950 dauerte das Fest zwei Tage. In den 80.-iger Jahren steigerte sich dann die Dauer der “Fuesendich” auf eine Woche.

Heute haben wir uns so aufgestellt, wie es früher an Faschingsdonnerstag üblich war, – um den Jüngeren und der jungen Generation zu zeigen “Seht mal – So wurde früher in Kleinschelken Fasching gefeiert.”
Möge dieses Fest unser Gemeinschaftsgefühl und unsere Zusammengehörigkeit stärken und erhalten.
Ich schließe mit den Worten des Dichters Albert Schiffner.
“Lass dir die Fremde zur Heimat, nie aber die Heimat zur Fremde werden”!
und mit dem Motto des diesjährigen Sachsentreffens in Dinkelsbühl

“Erbe erhalten, Zukunft gestalten”

Hans Draser